Multiple Geldschöpfung
Nachdem grundsätzlich einmal Bargeld in der Bevölkerung in Umlauf gekommen ist – in der Regel auf dem Kreditweg von der Zentralbank über Geschäftsbanken an kreditnehmende Unternehmen und dann als Zahlungen an deren Lieferanten und Lohnempfänger –, kann es bei Geschäftsbanken auf Konten eingezahlt werden. Damit sind die Banken in der Lage, Kredite zu erteilen. Soweit die Kredite in Form von Bargeld ausbezahlt werden, kann Bargeld außerhalb des Bankensystems für Zahlungen verwendet werden und früher oder später wieder als Einzahlung zu den Banken zurückkehren. Wird Bargeld auf das Kreditkonto eines Kreditnehmers eingezahlt, so bedeutet diese eine Minderung oder Tilgung seines Kredits. Kehrt Bargeld jedoch auf andere Bankkonten als diejenigen von Kreditnehmern ins Bankensystem zurück, so verfügen die Banken erneut über Geld, um weitere Kredite vergeben zu können. Auf diese Weise bildet sich bei den Banken eine Kette von empfangenen Einlagen und vergebenen Krediten. Jedes Mal entstehen Sichtguthaben, welche zusätzlich zum Bargeld Zahlungsmittel sind.
Dazu das Modellbeispiel einer Kreditkette:
Eine Bank hat von ihren Kunden 1.000,– € als Einlage auf Sichtguthabenkonten erhalten (1. Einlage). Davon führt sie den von der Zentralbank festgelegten Mindestreservesatz an die Zentralbank ab oder behält – falls eine solche Verpflichtung, wie beispielsweise in der Schweiz, nicht besteht – eine Sicherheitsreserve (Liquiditätsreserve) zurück (hier angenommen zu 10% = 100,– €, tatsächlich heute wesentlich weniger), so dass ihr 900,– € verbleiben, die sie als Kredit an einen Kunden vergibt. Diese 900,– € werden vom Kreditnehmer als Bargeld abgehoben und ausgegeben und landen als weitere Einlage auf einem anderen Sichtguthabenkonto (2. Einlage). Hiervon behält die Bank erneut 10% = 90,– € als Reserve ein und verleiht die verbleibenden 810,– € als neuen Kredit. Dieser Kreditbetrag wird erneut als Bargeld abgehoben und ausgegeben und wieder auf ein Sichtguthabenkonto eingezahlt (3. Einlage). Erneut werden 10% = 81,– € als Reserve zurückbehalten, und es bleiben 729,– € übrig, die wieder als Kredit vergeben werden, u. s. w.
Die Sichtguthaben aus den Einlagen ergeben zusammen 2710 € als Buchgeldmenge (1000 + 900 + 810 €) und können zu Zahlungen von Konto zu Konto verwendet werden. Demgegenüber hat sich die in Verkehr stehende Menge von Bargeld um die Reserven verringert, also um 100 + 90 + 81 = 271 €. Damit stehen noch 1000 – 271 = 729 € an Bargeld in Verkehr. Infolgedessen können mit 2710 € an Sichtguthaben und mit 729 € an Bargeld im gleichen Zeitpunkt von verschiedenen Inhabern Zahlungen ausgeführt werde. Genauer: Zur gleichen Zeit, wie der letzterwähnte Kreditnehmer mit Bargeld von 729 € zahlt, können die drei Sichtguthabenbesitzer mit ihren Guthaben Zahlungen von zusammen 2710 € ausführen, indem sie die Guthaben auf Konten anderer Kontoinhaber überweisen. Die zahlungsfähige Geldmenge M1 ist also gegenüber der Ausgangsmenge von 1000 € auf 2710 + 729 = 3439 € angewachsen! Diese Geldvermehrung gilt, solange keiner der Einzahler eine Bargeldabhebung von seinem Sichtguthaben vornimmt.
Die Kreditkette könnte unbegrenzt fortgesetzt werden, doch werden die neu zu vergebenden Kredite immer geringer. Wie stark sich die Geldmenge letztlich theoretisch erhöhen kann, gibt der Geldschöpfungsmultiplikator an, der von der Höhe des Mindestreservesatzes abhängt. Er beträgt 1/Mindestreservesatz. (Im Beispiel mit 0.1 als Mindestreservesatz beträgt der Geldschöpfungsmultiplikator 10.) Eine natürliche Begrenzung der Geldschöpfung ergibt sich dadurch, dass die Banken in der Lage sein müssen, ihren Kunden auf Verlangen Bargeld auszuzahlen. Dazu müssen sie eine Sicherheitsreserve in Bargeld halten, die erwähnte Liquiditätsreserve, und können die Einlagen nicht in voller Höhe für Kredite bereitstellen. Die Liquiditätsreserve muss nicht den vollen Bestand an Sichtguthaben umfassen, weil das einmal eingezahlte Bargeld von den Bankkunden praktisch nie mehr in vollem Umfang zurückgezogen wird – bargeldloses Zahlen ist vorteilhafter.
Die Krediterteilung von jeweils neun Zehnteln der eingezahlten Bargeldmenge bei einer Sicherheitsreserve von zehn Prozent wie im Beispiel entspricht der üblichen Größenordnung. Dieses Verhältnis kann je nach dem Bedarf der Banken an Sicherheitsreserve schwanken. Steigt dieser Bedarf, so nimmt ihre Krediterteilungsfähigkeit ab, und die Buchgeldmenge muss sinken. Die Krediterteilung von neun Zehnteln führt in der Praxis zu einer Buchgeldmenge, die das Zwei- bis Zweieinhalbfache derjenigen Bargeldmenge ausmacht, die sich in der Bevölkerung in Umlauf befindet.
Nach einer Krediterteilung, die auf eingezahltem Bargeld beruht, können zwei verschiedene Zahlungen gleichzeitig und nebeneinander ausgeführt werden, wo zuvor nur eine einzige möglich war, nämlich einerseits durch Weitergabe von Bargeld außerhalb des Bankensystems, andererseits durch Überweisen von Buchgeld innerhalb des Bankensystems. Diese Möglichkeit besteht, weil nun Bargeld und Buchgeld gleichzeitig im Spiele sind, anstatt nur Bargeld allein. Das über den Kredit wieder ausgegebene Bargeld kann ein weiteres Mal und von einem neuen Besitzer auf ein Sichtguthabenkonto eingezahlt werden, entweder auf sein eigenes oder auf dasjenige eines anderen. Dieses mehrfache Verwenden des gleichen Bargeldes in abnehmendem Umfang ist Grundlage der multiplen Geldschöpfung der Geschäftsbanken. Charakteristisch dabei ist das wiederholte Wechseln der Art des Zahlungsmittels zwischen Bargeld und Buchgeld.
Die multiple Geldschöpfung ist Voraussetzung und Erklärung der Tatsache, dass die Buchgeldmenge wesentlich größer sein kann und ist als die Bargeldmenge. Auf die gleiche Weise konnte vor der Zeit des bargeldlosen Zahlungsverkehrs aus einer begrenzten Menge Münzgeld eine wesentlich größere Menge Banknotengeld entstehen.
Geschäftsbanken können von sich aus und absichtlich keine (aktive) Buchgeldschöpfung betreiben, wenn sie keine neuen Bareinlagen erhalten, weil sonst ihre Bilanzen aus dem Gleichgewicht geraten würden. Die multiple Buchgeldschöpfung ist ein allgemeiner banktechnischer Vorgang, der bei den Banken unbeabsichtigt (passiv) abläuft und ihnen oft nicht bewusst ist, weil jeder der daran beteiligten Vorgänge ein einzelnes unabhängiges Bankgeschäft darstellt. Obwohl dadurch die Geldmenge mit der Gefahr der Inflation zunimmt, tragen die Banken selbst keine Verantwortung dafür. Stattdessen sucht die Zentralbank diesen Prozess durch das Festlegen ihrer Zentralbankzinssätze und – sofern praktiziert – des Mindestreservesatzes zu steuern, die den Geschäftsbanken das Erteilen von Krediten verteuern oder verbilligen und sie dadurch zum Eindämmen oder Ausweiten ihrer Kredite und damit der Buchgeldmenge motivieren. Um die Geldschöpfung der Geschäftsbanken völlig auszuschalten, wurde schon eine 100-prozentige Mindestreserve gefordert, so von Milton Friedman.
Fiat Money
Einflussnahme der Zentralbank auf die Geldschöpfung
Die nominale Geldmenge unterliegt nur zu einem geringen Teil dem unmittelbaren Einfluss der Zentralbank. Da diese jedoch im Rahmen ihrer Aufgaben an einer Kontrolle der Geldwertstabilität, der Geldmenge und des Geldumlaufs wie auch der Liquidität in der Wirtschaft interessiert sein muss, sucht sie auf die Geldschöpfung Einfluss zu nehmen. Dazu stehen ihr im Prinzip drei Mechanismen zur Verfügung:
Sie verpflichtet die Banken, einen Teil ihrer Einlagen als Mindestreserve bei der Zentralbank zu hinterlegen. Erhöht sie die Mindestreserve, können die Banken weniger Kredite vergeben und umgekehrt. Derzeit ist diese Reserveverpflichtung im Euroraum auf 2% abgesenkt, wobei die Reserven in Höhe des Leitzinses verzinst werden, und in der Schweiz gänzlich aufgehoben.
Sie stellt den Banken in unterschiedlichem Umfang Bargeld (Zentralbankgeld) für die Kreditvergabe zur Verfügung. Dies geschieht mit Hilfe der Diskontpolitik beziehungsweise der Lombardpolitik, in deren Rahmen Banken Wechsel beziehungsweise Wertpapiere bei der Zentralbank verpfänden können, wodurch ihnen Geld zur Verfügung gestellt wird. Sind die dafür berechneten Zinsen (Diskontsatz beziehungsweise Lombardsatz) niedrig, werden die Banken viele Papiere verpfänden, damit viel Geld erhalten, und sie können so auch viele Kredite vergeben. Verteuert die Zentralbank die Beschaffung von Geld, sinkt die Kreditvergabe entsprechend.
Sie bietet den Banken Alternativen zur Kreditvergabe. Dies geschieht im Rahmen der Offenmarktpolitik, bei der die Zentralbank den Banken selbst Wertpapiere zum Kauf anbietet. Sind die Zinskonditionen der Zentralbank gut, werden die Banken Offenmarktpapiere kaufen anstatt Kredite zu vergeben und die Geldschöpfung wird geringer.
Die Folgen des veränderten Umgangs mit Geld
Diese (übliche) Art der Erklärung der multiplen Geldschöpfung durch Geschäftsbanken wird aber immer realitätsferner, weil die Nachfrage der Bankkunden nach Bargeld relativ immer mehr sinkt. Die bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten im täglichen Leben nehmen deutlich zu. Die Geschäftsbanken können somit auch immer mehr Giralgeld durch Kreditvergabe einfach erzeugen, ohne dann Zentralbankgeld (Bargeld) abgeben zu müssen. Somit ist auch die Annahme, dass wirklich Bargeld bei Geschäftsbanken eingelegt wird, immer weniger realistisch. Spareinlagen werden vorzüglich vom Girokonto direkt auf das Sparkonto getätigt. Damit nimmt aber die Möglichkeit der Zentralbanken, die Geldmenge zu steuern, ab. |