Weshalb kommt es zu einem derartigen Kurseinbruch?
Möchte unser Anleger nach seinem Kauf das Rentenpapier gleich wieder abstoßen, so bedenken mögliche Käufer, dass sie auf eine alternative Anlageform in jedem Falle eine risikolose Verzinsung in Höhe des Marktzinses von 8 % erhalten. Folglich käme keiner auf die Idee, dem Anleger die Anleihe zu 100 € abzukaufen und nur eine 5 %-ige Verzinsung in Anspruch zu nehmen. Der Anleger bliebe aller Wahrscheinlichkeit nach auf seinem Finanzprodukt sitzen. Die einzige Möglichkeit, das Wertpapier doch veräußern zu können, besteht also i. d. R. darin, einen niedrigeren Kaufpreis zu akzeptieren. Bei den Kursen börsengehandelter Anleihen kommt außerdem das Ausfallrisiko als Preis- und Kuponbestimmungsfaktor hinzu. Das Ausfallrisiko bestimmt sich nach der erwarteten Zahlungsfähigkeit (Bonität) des Anleiheschuldners. Der Kupon einer Anleihe liegt zum Zeitpunkt der Anleihebegebung um so höher über dem risikolosen Marktzinssatz, je geringer die Bonität ist. Verschlechtert sich die Bonität eines Anleiheschuldners, so führt das steigende Ausfallrisiko zu einem größeren Abschlag auf den Anleihewert (= höherer Diskontierungszinssatz) und der Preis sinkt.
Berechnung der Rendite (Effektivverzinsung, Endfälligkeitsrendite, yield to maturity) Häufig ist nicht interessant zu wissen, welchen Wert eine Anleihe am heutigen Tag hat, sondern welche Rendite man mit dem Kauf einer Anleihe zu einem heute bekannten Preis erzielen kann. Die Rendite wird in der Regel vom Zinssatz am Markt und auch vom Kupon der Anleihe abweichen, jeweils abhängig von der Bonität des Schuldners usw.
Neben der gebräuchlicheren Endfälligkeitsrendite (Effektivverzinsung) existiert auch die laufende Rendite (current yield). Auch diese unterscheidet sich vom Zinssatz. Sie errechnet sich einfach als "Zins mal 100 geteilt durch Kurs". Die laufende Rendite ist kein Vergleichsmaßstab im Anleihenhandel. Die laufende Rendite zeigt aber die prozentuale Verzinsung auf der Basis des jeweiligen Kurses. Sie gewinnt an Bedeutung bei Anleihen von Emittenten niedriger Bonität und bei hohen Kursabweichungen vom Nennwert.
Eine andere Vergleichsmöglichkeit unterschiedlicher Anleihen ist der sogenannte "Doppler-Effekt". Um zu ermitteln, wie schnell sich der Wert einer Anleihenanlage verdoppelt, wird von Anlegern manchmal eine Faustformel verwendet: Die Zahl 70 ist durch die Endfälligkeitsrendite zu teilen. Bei einer Rendite von sieben Prozent z.B. verdoppelt sich das Kapital in 10 Jahren (70 : 7 = 10). Beträgt die Rendite dagegen fünf Prozent, dauert es 14 Jahre. Voraussetzung für die Kalkulation: Die fälligen Zinsen werden zu konstanten Konditionen regelmäßig wieder angelegt (Zinseszinseffekt).
Professioneller Handel von Anleihen Anleihen werden an Börsen gehandelt. Der Handel über Börsen ist für die Kursbestimmung aber relativ unbedeutend, da die gehandelten Volumina (Beträge) im Vergleich zum OTC-Handel (over the counter), dem direkten Handel zwischen Banken, minimal sind.
Die Quotierung einzelner Anleihen ist unterschiedlich. Manche Anleihen werden nach Rendite gehandelt (z. B. Schwedische Staatsanleihen SGB, Australische Staatsanleihen oder Japanische Staatsanleihen JGB), andere werden mit Kursen gehandelt (z. B. Deutsche Bundesanleihen DBR, Österreichische Bundesanleihen RAGB, Britische Staatsanleihen Gilts). In den Vereinigten Staaten werden Staatsanleihen (Treasuries) mit 32stel (1/32) quotiert. (z. B. 101-16 entspricht 101 16/32= 101.50)
Die Standardvaluta ist bei europäischen Staatsanleihen normal T+3, bei US-Staatsanleihen T+1, je nach Settlementsystem in Japan T+2 (Furukai - Furiketsu) oder T+4 (Toruku).
In den letzten Jahren setzten sich bei immer mehr Anleihearten elektronische Handelssysteme durch. So wird heute der überwiegende Anteil des Umsatzes in liquiden europäischen Staatsanleihen nicht mehr via Telefon sondern via elektronischen Handelsplattformen wie Bondvision, Tradeweb, Eurex Bonds oder Bloomberg Bond Trading abgewickelt.
Risiken von Anleihen
Ausfallrisiko Das Ausfall- bzw. Bonitätsrisiko ist jenes Risiko, welches daraus erwächst, dass der Schuldner in Zahlungsverzug kommen kann oder sogar zahlungsunfähig wird. Je schlechter die Bonität, umso höher ist das Ausfallrisiko der Anleihe. Schuldner mit schlechter Bonität müssen daher einen höheren Kupon beziehungsweise eine höhere Verzinsung bieten, um das Ausfallrisiko auszugleichen.
Das Ausfallrisiko von Anleihen lässt sich teilweise diversifizieren, indem man sein Geld auf Anleihen verschiedener Unternehmen aufteilt. Dadurch hat der Ausfall einer einzelnen Anleihe im Portfolio einen weniger gravierenden Verlust zur Folge. Allerdings lässt sich beobachten, dass sich Anleihenausfälle in einem bestimmten Zeitintervall häufen können. Es können also deutlich mehr Anleihen in einem bestimmten Zeitraum ausfallen, als man es bei stochastisch unabhängigen Ausfällen erwarten würde. Eine perfekte Diversifikation ist also nicht möglich.
Die Bonität einzelner Unternehmen und Anleihen bemessen internationale, unabhängige Agenturen aus ihrer Sicht mit einem Rating. Die bekanntesten Ratingagenturen sind Moody's, Standard & Poor's sowie Fitch. Anleihen von Gläubigern mit schlechter Bonität werden auch als Schrottanleihe, Junk bond oder High Yield Bond bezeichnet.
Zinsänderungsrisiko Das Zinsänderungsrisiko ist das Risiko, welches aus der Möglichkeit einer Änderung des Marktzinses erwächst. Zwar wird eine Anleihe immer zum Nennwert zurückgezahlt, aber der Marktzins hat einen Einfluss auf den Kurs der Anleihe, der von Bedeutung ist, wenn man die Anleihe vor ihrer Fälligkeit wieder verkauft.
Der Marktzinssatz ist der wichtigste, gleichzeitig aber auch der volatilste Parameter zur Bewertung einer Anleihe. Eine Änderung des Zinssatzes hat folgende Auswirkungen für den Inhaber einer Anleihe:
der Wert der Anleihe sinkt, wenn der Marktzins steigt. Dieser Effekt ist abhängig von der Preissensitivität, welche mittels Duration und Konvexität gemessen werden kann.
die Rückzahlungsbeträge (Kupon und Tilgung) werden zum neuen Zinssatz angelegt. Steigt der Zinssatz, so steigt auch der Betrag, der aus der Wiederveranlagung der Rückzahlungsbeträge resultiert (der Zinseszins).
der Zinsertrag aus den Kupons der Anleihe bleibt unverändert.
Die Kursänderung und der Zinseszinseffekt sind gegenläufig. Um die Frage zu beantworten, welchen Gesamteffekt eine Zinsänderung auf den Kurs einer Anleihe hat, wurde das Durationkonzept entwickelt.
Kündigungsrisiko, Auslosungsrisiko, Konversions(Wandelungs-)risiko Dies sind drei Arten von Unsicherheiten, die nur bei bestimmten Anleihen auftreten, bei denen Schuldnerkündigungsrecht oder eine Auslosung der Tilgung vereinbart ist, bzw. wenn es sich um Wandelanleihen handelt.
Währungs-/Wechselkursrisiko Die Nominalwährung ist die Währung, in der die Anleihe bei Endfälligkeit vom Emittenten zurückgezahlt wird. Die Kuponwährung ist die Währung, in der die Zinsen ausbezahlt werden. Bei fast allen Anleihen sind Kupon- und Nominalwährung identisch.
Aufgrund von Wechselkursänderungen schließt der Kauf einer Fremdwährungsanleihe ein Wechselkursrisiko ein. Fällt die Nominalwährung gegenüber der Heimatwährung des Käufers, so erleidet er Verluste, steigt die Nominalwährung gegenüber der Heimatwährung, kann er Gewinne realisieren.
Das Währungsrisiko kann recht einfach durch Währungsoptionen, Währungsforwards oder Währungs-Futures minimiert werden.
Inflationsrisiko Das Inflationsrisiko bezeichnet die Unsicherheit über die reale Höhe der zukünftigen Auszahlungen. Da der Fisher-Effekt nur langfristig empirisch nachweisbar ist, ist das Inflationsrisiko vom Zinsänderungsrisiko getrennt zu bewerten. Das Inflationsrisiko kann durch den Erwerb von inflationsindexierten Anleihen ausgeschaltet werden.
Liquiditätsrisiko Es ist möglich, dass zu dem Zeitpunkt, an dem die Anleihe verkauft werden soll, dies nicht ohne große Kursabschläge erfolgen kann. Dieses Risiko ist in Märkten mit großem Marktvolumen zu vernachlässigen; es kann in kleinen Märkten oder bei exotischen Anleihen bestehen.
Abschreibungsrisiko Es ist möglich, dass eine Anleihe im Wert sinkt, man die Anleihe aber hält und keine Verluste realisiert. Dies kann z. B. aufgrund eines steigenden Zinssatzes passieren. Trotzdem muss die Anleihe aufgrund der handelsrechtlichen Vorschriften teilweise abgeschrieben werden, was zu unerwünschten Gewinnminderungen führen kann.
Entwicklung des Anleihenkurses im Zeitverlauf Da der Nennwert der Anleihen zum Laufzeitende zurückgezahlt wird, kommt es zur Nennwertkonvergenz, die Kurse der Anleihen bewegen sich also gegen Ende der Laufzeit in Richtung des Nennwerts. Den Effekt von Kursänderungen, die sich aus dem Zeitverlauf ergeben -ohne dass sich die Zinsstrukturkurve ändert- wird als Rolling down the yield curve-Effekt bezeichnet. Dieser Effekt lässt sich unter Annahme einer konstanten Zinsstrukturkurve im Zeitverlauf (damit ist nicht eine flache Zinsstrukturkurve gemeint) anhand des Anleihekurses zu jedem Zeitpunkt der Laufzeit darstellen. Dabei wird der Kurs erst über den Ausgabekurs steigen und dann wieder bis zum Nennwert fallen.
Ursachen Rolling down the yield curve-Effekt Die Abzinsung derselben Zahlungen, d.h. desselben Kupons, erfolgt mit niedrigeren Zinsen bei gegebener normaler Zinsstrukturkurve. Die Abzinsung erfolgt zudem über einen kürzeren Zeitraum. Dies erklärt ein Ansteigen des Kurses.
Der entgegengesetzte Effekt, dass der Kupon der vorangegangenen Termine wegfällt, dominiert am Ende der Laufzeit. Die Bewegung des Preises einer Anleihe hin zum Nennwert bei Fälligkeit bezeichnet man als Pull-to-par-Effekt.
Arbitrage bei Anleihen Bei Anleihen können Fehlbewertungen arbitriert werden. Beispielsweise ist eine Arbitragestrategie denkbar, wenn eine Kuponanleihe zu niedrig bewertet ist. Dann geht man diese long (kauft sie) und verkauft gleichzeit Zero Bonds in Höhe der Zahlungen. Der Arbitragegewinn ergibt sich dann heute, wobei zukünftig alle Positionen Null ergeben.
Unterschiedliche Bewertungen können sich aber auch aufgrund von Bonitätsdifferenzen und Marktfriktionen ergeben.
Sonderformen von Anleihen
Wandelanleihen: Dem Käufer wird das Recht eingeräumt, die Anleihe zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Verhältnis in Aktien des Emittenten umzutauschen.
Optionsanleihen: Im Unterschied zur Wandelanleihe ist das Recht zum Kauf von Aktien des Emittenten separiert von der Anleihe. Das heißt, dass die Option auch separat gehandelt und ausgeübt werden kann.
Reverse Convertibles sind Zins ausschüttende derivate Produkte (Zertifikate), bei denen das Wandlungsrecht beim Emittenten der Anleihe liegt und in der Regel am Ausübungspreis (Strike) eines Basiswerts (Underlying) festgemacht wird. Es kann je nach Basiswert unterschieden werden in:
Aktienanleihen, bei denen die Rückzahlung vom Kurs einer Aktie abhängt.
Indexanleihen, bei denen die Rückzahlung vom Kurs eines Index abhängt.
Rohstoffanleihen, bei denen die Rückzahlung vom Kurs eines Rohstoffindex abhängt.
Basketanleihen, bei denen die Rückzahlung vom Kurs eines Korbs verschiedener Aktien, Aktien- oder Rohstoffindizes abhängt. Die Gewichtungen der Aktien/Indizes im Korb und der Einfluss ihrer Wertentwicklungen kann höchst unterschiedlich ausgestaltet sein.
Sonstige exotisch strukturierte Produkte: Der Rückzahlungsbetrag und / oder die Zinszahlung sind nicht fest vereinbart, sondern koppeln sich an den Stand einer bestimmten Größe (Preis-, Aktienindizes)
Hybridanleihe, eigenkapitalähnliche, nachrangige Firmenanleihe ohne Laufzeitbegrenzung.
Bunny Bonds: Dem Käufer wird das Recht eingeräumt, zwischen Kuponzahlung oder Anleihe derselben Ausstattung im Nennwert in Höhe des Kupons zu wählen.
Falls der Kupon niedriger ist als das aktuelle Zinsniveau wird man sich für die Auszahlung des Kupons entscheiden. Ist der Kupon höher als das aktuelle Zinsniveau bietet eine Anleihe des selben Typs, die dann über pari notiert, aber zum Nennwert erworben werrden kann, eine höhere Rendite. Auf diese Weise sichert man sich gegen das Wiederanlagerisiko ab. Die ex post erzielte Rendite ist in jedem Fall höher als der Kupon. Man wird indifferent sein, wenn am Markt der gleiche Zinssatz für die Restlaufzeit der Anleihe gezahlt wird wie in den Anleihebedingungen.
Bunny Bonds haben damit eine Mittelstellung zwischen Kuponanleihe (Wiederanlagerisiko) und Zerobond (kein Wiederanlagerisiko). Das Wiederanlage und Zinsänderungsrisiko verschiebt sich auf den Emittenten.
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